Waldgeschichten verbinden
Drei Waldgeschichten. Ein roter Faden.
Der Wald hat für mich zwei Gesichter.
Das eine kenne ich seit Jahren: als Ort, an dem ich runterkomme, an dem das Licht weich wird, wo Nebel zwischen Fichten hängt und du plötzlich dieses eine Bild vor dir siehst, dass du vorher nicht mal gesucht hast.
Und dann gibt es das zweite Gesicht, das sich in den letzten Monaten immer stärker dazu geschoben hat: der Wald als System. Als etwas, das nicht einfach “schön” ist, sondern hochkomplex. Ein lebender Organismus aus Boden, Wasser, Mikroklima, Pilzen, Insekten, Bäumen und Zeit.
Wenn ich die drei Beiträge “Mit Sebastian Schnitzer im Wad”, “Holz” und “Baumguru” nebeneinanderlege, merke ich: Sie zeigen genau diese beiden Gesichter. Und sie zeigen, wie eng Fotografie, Handwerk und Wissenschaft im Wald eigentlich miteinander verwoben sind.
Im Mistelbrunner Wald war es am Morgen des Shootings mit Sebastian Schnitzer ganz schlicht. Er und ich einfach früh raus, mit einem kleinen Setup und einer Idee vom Wanderer, der ankommt, durchatmet. Kaffee in der Hanf, gegen die Kälte und gleichzeitig der Dampf im Gegenlicht. Ich mag solche Motive, weil sie auf den ersten Blick unspektakulär wirken. Aber draußen ist nichts konstant. Der Wald ist kein Studio. Das Licht wandert, Wolken ziehen, Schatten verschieben sich und du kannst nicht einfach sagen: “Stopp wir drehen nochmal kurz die Sonne um.” In solchen Situationen arbeite ich gerne mit minimaler Technik, umso weniger muss man mitschleppen und umstellen. Man kann schneller agieren und verliert nicht so viel Zeit. Gleichzeitig setzt man sie bewusster ein. Ein Aufsteckblitz, ein weißer Durchlichtschirm, ein Stativ sorgen dafür, dass man Dinge die man sowieso wahrnimmt auf dem Foto später besser sieht und so werden Struktur im Gesicht, Zeichnung der Kleidung und eine kleine Trennung zum Hintergrund sichtbar. Wenn man sich auf die Gegebenheiten und seine Umgebung einlässt passiert es irgendwann, man wird ruhiger und die Motive werden gefunden, du kommst im Setting an und beginnst deine Umgebung richtig Wahrzunehmen.
Und genau da fängt für mich der wissenschaftliche Blick inzwischen automatisch mit an.
Das Gegenlicht im Nebel ist nicht nur eine Stimmung, es ist Physik. Es ist Streuung an Wassertröpfchen, es ist Luftfeuchtigkeit, Temperaturgradienten, ein Mikroklima, das im Wald anders funktioniert als auf dem Feld nebenan. Der Wald baut sich seine eigene Atmosphäre. Unter dem Kronendach ist es kühler, windärmer, oft feuchter und genau deshalb entstehen dort diese Lichtmomente, die magisch wirken, aber eigentlich ein Ergebnis von Strahlungsbilanz, Verdunstung und Luftbewegung sind.
Man kann das romantisch nennen. Oder man kann sagen, dass der Wald sein Klima selbst reguliert, zumindest bis zu einem gewissen Punkt.
Bei einem nächsten Projekt, war die Stimmung eine andere. Der Wald galt nicht mehr als “Studio” sondern als Ursprung. Im Video und Blogbeitrag “Waldgeheimnisse” geht es um das Thema Holz, um eine Werkstatt, um Menschen, die altes Holz aus abgerissenen Schwarzwaldhäusern wieder in etwas Neues verwandeln. Und plötzlich wird Holz zu etwas, das man nicht nur sieht, sondern versteht.
Holz ist kein neutrales Material. Es ist Biologie und verbirgt Geschichten.
Es besteht nicht einfach aus Fasern, sondern aus einem Gewebe, das ein Baum aufgebaut hat, um Wasser nach oben zu transportieren, Stabilität zu gewinnen, Verletzungen zu überstehen, Winter zu überleben. In jedem Brett steckt die Geschichte eines Wachstumsprozesses: Frühholz, Spätholz, Dichteunterschiede, Jahrringe. Wenn man genau hinschaut, sieht man Trockenjahre, Stressphasen, vielleicht Sturmschäden oder besonders gute Bedingungen in einem bestimmten Zeitraum. Die Dendrochronologie ist die Datierung und Rekonstruktion von Umweltbedingungen über Jahrringe und hilft dabei die Geschichte von Bäumen zu Lesen wie eine Biografie. Bäume sind nämlich Klimaarchive und schreiben Jahr für Jahr ihre Bedingungen in ihre Struktur.
Das war einer der Momente, wo ich beim Drehen und Fotografieren gemerkt haben wie wenig Dekoration der Wald ist. Wenn du altes Holz in den Händen hältst, hältst du Zeit und du hältst Information. Was in dem Video wichtig ist, ist dass es nicht nur beim Bild bleibt. Es kommt Ton dazu durch Sebastian Schnitzer am Flügel, improvisierend, suchend, bis das Thema da war, das alles zusammenhält: “La Madera”. Gleichzeitig die echten Geräusche aus Werkstatt und Wald. Für mich hat das perfekt zusammen gepasst, weil es dem Material Würde gibt. Holz ist nicht still, es klingt, arbeitet, antwortet und erzählt Geschichten.

Der “Baumguru”-Beitrag, bringt für mich die dritte Ebene in das Thema: Verantwortung. Wenn du beginnst, den Wald als System zu sehen, kommt automatisch die Frage auf wie es diesem eigentlich geht?
Bäume stehen nicht einfach nur da. Sie altern, sie reagieren, sie kompensieren, sie kämpfen. Und vieles davon passiert unsichtbar. Ein Baum kann äußerlich vital wirken und innen längst geschädigt sein, durch Pilze, Hohlräume, Risse, Stress durch Trockenheit oder Bodenverdichtung. Gerade in Städten oder an Wegen ist das relevant, weil Sicherheit und Erhalt zusammenkommen: Wann ist ein Baum gefährlich? Und wann kann man ihn retten statt ihn zu fällen?
Baumdiagnostik ist der Bereich zwischen Biologie, Materialkunde und Messtechnik. Du schaust nicht nur auf die Krone oder die Rinde, sondern misst ins Innere: Dichte, Widerstände, Strukturen. Das Ziel ist im besten Fall nicht “Kontrolle”, sondern Erhalt. Schäden früh erkennen, Maßnahmen ableiten, unnötige Fällungen vermeiden.

Wissenschaftlich betrachtete ist das Teil einer größeren Realität. Die Wälder stehen unter Druck. Klimaextreme wie längere Trockenphasen, Hitzewellen, Sturmereignisse, verändern die Wachstumsbedingungen. Wasserstress schwächt Bäume, macht sie anfälliger für Schädlinge und Krankheiten. Gleichzeitig verändert sich durch Eingriffe und Nutzung die Struktur vieler Wälder: Artenzusammensetzung, Altersklassen, Totholzanteil, Bodenverdichtung durch Maschinen, Fragmentierung.
Was ich daran so wichtig finde. Die Prozesse sind nicht abstrakt. Du siehst sie. Manchmal subtil, in veränderten Jahrringbreiten, in Kronen, die lichter werden. Manchmal brutal in abgestorbenen Hängen, in massiven Schäden nach Stürmen. Und plötzlich fühlt sich der Blick durch die Kamera anders an.
Diese drei Beiträge haben für mich einen gemeinsamen Kern: Der Wald ist nicht nur Motiv, er ist Beziehung. Im Mistelbrunner Wald geht’s um Licht, ohne den Ort zu überformen. “Holz” zeigt Material als gespeicherte Zeit, die Handwerk weiterträgt. Der Baumguru steht für Wissen, dass schützt statt ersetzt. Und am Ende bleibt: Je mehr du über den Wald verstehst, desto tiefer werden deine Bilder, weil du nicht nur Stimmung fotografierst, sondern ein lebendiges System.


Lichtemotionist - Tobias Ackermann
Autor; Künstler

Alicia Ackermann
Co-Autor; M.Sc. Meeresbiologie



























